Passend zum folgenden Aufsatz inszeniere ich ein Bild der spektakulären 1000jährigen Eiche, die in der Nähe von Hexenagger/Altmühltal beheimatet ist. Als deutscher Baum oder gar heiliger Weltenbaum, die dem germanischen Donnergott Thor geweiht war, ist sie ein deutsches Nationalsymbol, das für Stärke, Treue und Beständigkeit steht.
Meine Anthologie habe ich betitelt mit „Eine deutsche Philosophin“; daran ist nichts Verwerfliches oder Provokatives. Bei meinen frühmorgendlichen Läufen an der grünen Isar in Landshut oder durch die herrlichen Hallertauer Fluren habe ich dieses Jahr viel darüber nachgedacht, was mich als Mensch, der von in Deutschland geborenen Deutschen abstammt, der in Deutschland geboren worden ist und einen deutschen Pass hat, ausmacht. Im positiven wie negativen Sinn von „typisch deutsch“. Allerdings, so habe ich überlegt, ist die meiner Meinung nach abfällige Bemerkung, typisch deutsch zu sein, eigentlich nicht beleidigend, wenn ich darüber nachdenke. Sie ist nichts anderes, als sage ich zu einem Italiener, „du bist halt typisch italienisch“, oder zu einem Türken „bist typisch türkisch“ oder zu einem Japaner „typisch japanisch“. Alle Länder und Nationen dieser Erde haben etwas für sie Typisches an sich.
Ich empfinde mich als mehrdimensional deutsch und betitele mich selbst „Eine deutsche Philosophin“. Warum soll ich darauf warten, bis es jemand anderer für mich tut? Postmortem könnte sich vielleicht nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten jemand bemüßigt fühlen, doch so lange möchte ich nicht warten. Darum philosophiere ich über mich als Deutsche und über „typisch deutsch“ selbst.
Ordnung und Regeltreue gehören zur Bürokratie, wie der berühmte „Arsch auf dem Eimer“. Diese wird von den Deutschen gepflegt und geliebt; man beachte die dafür nötigen zwei Millionen Beamten. Die staatlich alimentierten Wesen müssen schließlich etwas zu tun haben, indem sie in Deutschland per Amtseid für Ordnung sorgen, oder?
Das Schlimmste, das ich in Punkto deutsches Beamtentum begriffen habe, erlebte ich im Konzentrationslager Ausschwitz. Ich verbrachte dort einen ganzen Tag. Unter anderem war ich in einem Block, in dem auf drei Etagen und vielen Zimmern meterlange Listen mit Namen und Geburtsdaten der zu internierenden und schließlich zu vernichtenden Menschen aufgebahrt waren. Feinsäuberlich waren diese Henkerslisten in altdeutscher Schrift von deutschen Beamten geschrieben worden. In ihren Amtsstuben der Gemeinden und Städte verrichteten sie lediglich brav und ordentlich ihre Arbeit beim Anfertigen dieser kilometerlangen Todeslisten. Ein Déjà-vu dieses dunklen Kapitels typisch deutscher Regeltreue und Denunziationslust ist für mich der kürzlich erlebte Covid-Irrsinn. Er lehrte mich, dass sich der Geist eines Volkes nicht verändert. Der dunkle Teil umwabert den typisch deutschen Charakter auch nach achtzig Jahren. Jahrzehnte, in denen vor der Welt auf das Haupt des deutschen Michel Asche gestreut und „Mea culpa“ gebrüllt wurden, waren nichts als scheinheiliges Theater. Die Reden von rechten, linken, mittigen, bunten, biologischen und tierfreundlichen Politikern, die landauf und landab auf allen möglichen Bühnen und an Rednerpults, vor Kameras und im Hohen Haus gehalten worden sind und weiterhin werden, sind Lippenbekenntnisse, Schönwetterreden, Makulatur und opportunistische Inszenierung. Nicht unwahrscheinlich ist, dass früher oder später eine derartige Komödie oder Tragödie erneut inszeniert werden wird. Das Drehbuch braucht nicht großartig verändert werden; denn die dumme Masse erkennt beim nächsten Mal wieder nicht, dass sie Komparsen in einer Scharade sind. Die Lichter der Scheinwerfers werden von den Regisseuren berechnend auf die Hauptakteure gerichtet, damit diese die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und die huminide Meute von den wahren Motiven abgelenkt wird. Es sind mächtige Zauberdämonen am Werk, und die Menschenmassen gehen ihnen, wie geplant, jedes Mal auf den Leim.
Ein typischer Deutscher ist pünktlich, direkt, ernst, er trennt den Müll, braucht Sicherheit und Ordnung und schließt deshalb allerhand Versicherungen ab. Sein Ziel ist ein schickes Auto, das er jede Woche durch die Waschanlage fährt oder vor der Garage wäscht – was allerdings aktuell wegen des Klimadiktats bei den jungen Typischdeutschen schlecht ankommt. Vielleicht wird er von ihnen angezeigt wegen Wasserverschwendung und Verfehlung der Klimaziele, so dass die Polizei mit Blaulicht kommt und er mit strafrechtlichen Folgen zu rechnen hat. Auf jeden Fall werden ihn die jungen Typischdeutschen mit ihrem Mobilgerät filmen und ihn auf den Socialmedia-Kanälen für Dummies an den Pranger stellen. Wenn der typisch deutsche Alte aus Angst vor den typisch deutschen Gen-ZOO-Klimawächtern sein Auto nicht vor der Garage wäscht, dann wird er am Samstag zumindest den Gehweg und die Straße kehren.
Ein typischer Boomerdeutscher hat sich während der letzten dreißig Jahre ein Haus mit Garten erarbeitet, an dem mittlerweile der Zahn der Zeit nagt und immer wieder etwas repariert oder saniert werden muss. Seine typisch deutsche Ehefrau kniet im Garten vor ihren Blumenbeeten. Beim Gemüse braucht sie das nicht, weil ihr Mann ein typisch deutsches Hochbeet gekauft, oder noch besser, gebaut hat. Aus den Kindern dieses typisch deutschen Ehepaares sind Vertreter der typisch deutschen Gen-Z-Generation geworden. Für alles gelobt, eine Hochleistung sogar der Schiss ins Töpfchen, ihr Vorbild Super Mario und Pokemon. Von ihren typisch deutschen Eltern stolz als Genies und hochbegabt tituliert, um das erzieherische Versagen zu verbergen. Das Ziel der Bommerdeutschen war, die Mauer niederzureißen und Grenzen zu öffnen. Das haben sie geschafft, doch ist daraus eine Grenzenlosigkeit auf allen Ebenen geworden. Deutsche Ordnung, Disziplin und Verantwortungsbereitschaft haben sich aufgelöst. Aktuell werden die typisch Deutschen Alten für blöd und peinlich gehalten, weil jetzt die nachhaltigen Nachhilfe-Hochbegabten das Abi ja in der Tasche haben. Es ist abzuwarten, ob das Studieren an den Universitäten so easy wird wie die Abiprüfung 2026. Es schwingt der Verdacht, dass die typisch deutschen Lehrer ab wegen der Jahrhunderthitze gar zu sonnig bewertet haben. Apropos Sonne und Ferien! Typisch deutsche Eltern müssen mit ihren klimabewussten Z00-Kindern – diese stehen nach ein paar Wochen Unterricht vor einem Burnout und brauchen deshalb einen regenerierenden Luxusurlaub – in den Süden, Westen, Norden und weit in den Osten fliegen. Im Grunde wäre das Urlaubsland egal, da die Ressorts und Hotels mit den Spaßbädern und Swimmingpools überall gleich ausschauen und im Grunde auch überall das gleiche Buffet-Futter angeboten wird.
Und nun bin ich da, wo ich von Anfang an hinwollte als typisch deutsche Philosophin, nämlich zur weisen Erkenntnis: Urlaub, Hotel, Pools und das berühmte und vielgehasste Handtuch, nein, gleich alle Handtücher der Familienangehörigen! Sie werden vom typisch deutschen Ehemann und Vater schon bei Sonnenaufgang auf den Liegen festgezurrt und angebunden. Ja, typisch deutsch, möchte der nichtdeutsche Rest lästern und urteilen. Doch das stimmt nicht. Hotelvideoaufnahmen im Poolbereich beweisen, dass beim Rennen um die Liegen in der Morgendämmerung alle Nationen beteiligt sind. Und das beweist: Egoismus und Konkurrenzkampf wüten auf der ganzen Welt. Sie sind eben: Typisch Mensch!
Anmerkung zum Bild: 1000jährige Eiche in der Nähe von Hexenagger/Altmühl