Die Sommerzeit in Landshut ist herrlich. Die Leute brauchen dort nach einem Konzert nur umfallen und schwuppdiwupp landen sie im nächsten. Dieser Tage spielen dank Christoph vom „Männerladen“ im Garten hinter der Burg Trausnitz täglich allerhand Musikkünstler auf. Ein Konzertplan machte bereits im Winter auf diese tolle Veranstaltung aufmerksam. Mir stach sofort „Barclay James Harvest“ ins Auge, und in meinem inneren Ohr erklang sein Megahit „Life is for Living“. Mein Gott, fragte ich, sind die nicht längst gestorben? Nach wochenlangem Zögern entschloss ich mich zum Kauf einer Sitzplatzkarte für knapp 70 Euro, um im Juli 2026 den vertrauten Tönen von Barclay James Harvest zu lauschen. Bevor ich dem jungen Verkäufer das Geld hinblätterte, erkundigte ich mich vorsichtshalber doch noch , ob dieser Barclay James Harvest, der im Juli in Landshut auftritt, auch tatsächlich das Original sei und kein Cover-Barde. „Das ist wirklich der Echte“, versicherte mir der junge Mann. Ich kaufte dann nicht nur eine Karte, sondern auch noch eine zweite für meinen Liebsten, der vielleicht ein bisschen bockig sein würde, weil ich ihn vorher nicht gefragt hatte, doch das machte nichts. Ich war mir sicher, dass er spätestens, wenn er neben mir sitzen und dank BJH zurück in seine Jugend versetzt würde, besänftigt und vielleicht sogar glückselig wäre.
Monate vergingen, doch hätte ich am ersehnten Abend von Barclay James Harvest alles beinahe verpasst. Die Eintrittskarten lagen seit dem Tag ihres Kaufes in der Schreibtischschublade, und ich hatte es nicht für nötig gehalten, zu schauen, wann das Konzert begann. Ich nahm einfach an, es würde um 20 Uhr losgehen. Irrtum! Vor meinem Wohnungsfenster gibt es einen Gehweg mit einem Geländer. An das stellen und befestigen die Leute, die in die Altstadt oder auf die Burg gehen, ihre Fahrräder, sofern sie mit einem solchen ins Landshuter Zentrum radeln. Als ich am Donnerstagabend aus diesem Fenster guckte, erschrak ich. Das Geländer war mit Fahrrädern übersät. Was bedeutete, Menschenmassen waren auf der Burg, was wiederum bedeutete, Barclay James Harvest war dort. Ich ließ alles stehen und liegen und brüllte durch die Wohnung: „Michael, sofort anziehen, wir müssen hoch zur Burg. Ich glaube, dass Konzert hat schon angefangen!“ Kopfschüttelnd und fraglos schlüpfte Michael in seine Schuhe, während ich noch schnell nach etwas Warmem suchte. Auf dem Berg würde es im Burggarten sicher kühl werden, und heißblütig würde es bei einem Konzert mit alten Herren wohl nicht mehr werden.
Ziemlich heiß wurde uns beim zehnminütigen Spurt über die berühmte „Ochsentreppe“, denn diese windet sich steil nach oben zur Burg Trausnitz. Schnaufend und mit Schweißperlen, die unablässig ins Dekolltée und über den Rücken rollten, trabten wir beim Einlass an ein paar noch wartenden Kartenkontrolleuren vorbei in den Burggarten. Vor der Gott sei Dank noch leeren und stillen Bühne warteten geschätzt 500 Senioren und Seniorinnen auf Klappstühlen auf den Mann des Abends, auf eines der Gründungsmitglieder von BJH, den 78jährigen Les Holroyds. In den letzten Sitzplatzreihen waren etliche Klappstühle unbesetzt, doch packte ich Michael am Handgelenk und zog ihn hinter mir her. Ich war sicher, dass weiter vorne nach zwei Plätze zu ergattern waren. Wer Sitzplätze wählen kann, hält meist ein oder zwei Stühle Abstand vom Nachbarn. Damit spekulierte ich und hatte recht. Es waren noch jede Menge Plätze unbesetzt, so dass wir uns vorne eine schöne Perspektive auf die Bühne aussuchen konnten und nicht direkt vor den Lautsprechern saßen. Es war noch genügend Zeit zum Warten, da hätten wir uns wirklich Zeit lassen können auf der Ochsentreppe. Michael hatte Durst und holte sich an einem Getränkestand ein abartig schmeckendes Radlergetränk, das mit Bitterorange oder Grapefruit versetzt war. Er nötigte mich, davon zu trinken. Mon dieu, fragte ich mich nach einem vorsichtigen Schluck, wie kann man etwas dermaßen Scheußliches für Gaumen und Körper erfinden, geschweige, solches kaufen und in sich hineinschütten. Da lobe ich Wasser. Kein Wunder, dass die Menschheit da ist, wo sie ist. Ja, das waren meine Gedanken, bevor Les Holroyds gemächlich auf die Bühne spazierte. Für einen 78jährigen hatte er einen eigentlich noch recht lockeren aber nicht mehr sonderlich geschmeidigen Gang. Der alte Herr wusste, dass Anstrengendes auf ihn zukommen würde und er für seine Gage mindestens eine Stunde stehend, Gitarre spielend und auch noch singend durchzuhalten hatte. Ich mache mich über ihn nicht lustig, sondern ich retrospektiere hier meine Gedanken, die an diesem Abend mit BJH durch mein Hirn schweiften. Typisch für Les Holroyds war früher nicht nur seine Stimme, sondern auch seine lange Mähne und sein Schnauzer bzw. Bart. Und die hat er noch. Doch ist er nicht mehr brünett, sondern grau und weiß. Äußerlich hat er sich vom Rockmusiker verwandelt in einen Zauberer, der mich an „Catweazle“ erinnert. In den 70er Jahren, als es auch schon BJH gegeben hat, war das meine Kinder-Lieblingsserie.
Zusammen mit Les Holroyds musizierten vier weitere Barden auf der Bühne, wovon der runde Keyboarder mit Sonnenbrille und im schwarzen Jogginganzug auf der linken Seite und der andere Boarder rechts, der auch Gitarren spielte und sang, an Donald Trump erinnert, sich ruhig und bewegungslos mit ihren Instrumenten arbeiteten. Ich fragte mich bei dem linken Keyboarder, wieso er wohl seine Sonnenbrille bei relativer Dunkelheit aufhatte und erklärte es mir damit, dass die Augen im Alter empfindlicher auf Lichteffekte reagieren und der Sehnerv im Falle einer Makuladegeneration bei Lichtschwankungen mit einer Art vorübergehenden Nachtblindheit reagiert. Für einen Musiker hat das sicherlich unangenehme Folgen. Darum also die Sonnenbrille, die das Augenlicht vor HellDunkel-Schwankungen schützen soll.
Neben Les Holroyds spielte ein anderer Gitarrist mit ernster Miene in schwarzer, kurzer Hose und weißen Socken, ebenfalls mit Sonnenbrille, und er sang auch hin und wieder den Hintergrund. Am beweglichsten agierte der Schlagzeuger, und ehrlich gesagt, sah der auch am jüngsten und besten aus. Auch bei ihm tauchte eine Erinnerung auf, nämlich an den US-Schauspieler Michael J. Fox.
Ehrlich gesagt, was aber zu einem ganz natürlichen Prozess gehört, und was ich herrlich finde: Barclay James Harvest ist starkstark in die Jahre gekommen. Doch ich, und damit meine Generation der Boomer, befinden uns seit Jahren selbst im krassen Alterungsprozess. Deshalb waren wir auf dem Konzert an diesem Abend so zufrieden und glücklich. Und wir waren gnädig mit der Darbietung von Les Holroyds, mit seiner brüchigen und von Heuschnupfen geplagten Stimme, mit seiner Unbeweglichkeit. Wir wussten und wissen, wie sehr uns die zurückliegenden Jahrzehnte verändert haben. Wir sind nicht nur älter, sondern wir sind – seien wir ehrlich – alt geworden, und wir werden hopefully noch viel älter und sehr alt. Vor vierzig Jahren sprang Les Holroyds über die Bühnen dieser Erde, wie wir auf der Tanzfläche unserer Stadt oder Dorfes, wenn aus den Lautsprechern in der Disco „Life is for Living“ dröhnte. Wir umarmten und knutschten herum beim Megahit „Hymn“. Den englischen Text meist nicht verstehend, wenn darin über Jesus und seine Kreuzigung gesungen wurde, aber was kümmerte uns das als Teenies bei solch schöner, traurigen Melodie?
Nach der Halbzeit auf kühlen Sitzen und kalter Luft von unten sowie eineinhalb durchgesungener Stunden der fünf Barclay-Jungs gab es für uns dankbaren Zuhörer eine sehr lange Pause. Und das war gut so. Viele mussten aufs Klo, und danach brauchten alle was zum Trinken. Die Zeit der abendlichen Tabletteneinnahme war gekommen, denn Blutdruck- und Cholesterinsenker und ASS sollen zur gleichen Zeit genommen werden. Kein Witz! Ich bin überzeugt, dass ein Großteil von uns Boomern diese Medikamente einnehmen und brauchen. Was ich völlig in Ordnung finde, da diese Medikamente zu einem verlängerten Leben verhelfen. Altersprozess hin oder her. Nebenbei bemerkt, habe ich heute allerdings gelesen, dass es Studien über Blutdrucksenker gibt, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Nierenerkrankungen führen. Also, seinen Arzt fragen, welches Medikament er verschreibt.
Vor vierzig Jahren hatte ich die Lieder von BJH nicht so traurig und melancholisch empfunden. Die Songs sind die gleichen geblieben. Was hat sich verändert? Ich kuschelte mich in meine Jacke, blickte zum abendlichen, sich rosafärbenden Himmel auf und durchschwamm meinen gedanklichen Nachruf und den Abgesang unserer Zeit der achtziger Jahre als Boomer-Generation. Mein Blick strich über die grauen und kahlen Köpfe vor und neben mir, die begeistert jubelten, klatschten und mitsangen. Meine Generation, von der ich ein Teil bin. Als junge, oft minderjährige Menschen kamen wir in jede Disco und auf jede Veranstaltung, weil polizeiliche und Security-Kontrollen unnötig waren. Keiner wäre auf die Idee, uns vor dem Einlass nach Waffen abzutasten, gekommen. Wir waren fröhlich, gesellig und friedlich, waren unter uns, wodurch es aus religiösen oder kulturellen Gründen keinen Grund für Auseinandersetzungen, Verbrechen oder islamischen, die Menge niedermetzelnden Borderlinern gegeben hat. Unbeschwert konnten wir nächtelang zu tollen Songs tanzen, und wir konnten auch in Landshut oder auf dem Land in der Nacht alleine nach Hause gehen. Unser Problem als Geborene der damaligen Zeit ist, dass wir uns an die damalige, natürliche Unbeschwertheit erinnern können und mit der immer stärker Freiheit kontrollierenden und beraubenden Gegenwart vergleichen. Vergleichen müssen, da wir mit den jetzigen Gegebenheiten und dem Stand der Technologie usw. zurechtzukommen haben. Ich kenne viele Gleichaltrige, die den modernen Mist ablehnen, aber ich kenne auch viele, die meinen, den modernen Mist um jeden Preis mitmachen zu müssen. Ich denke, jeder macht es auf seine Art und Weise genau richtig. Dass viele der Boomer aus diesen Gründen gerne wieder stärker bewachte und verteidigte Landesgrenzen und Unruhe stiftende Subjekte entfernt sähen, ist verständlich, ohne sich politisch auf eine Seite werfen zu müssen. Als wir jung waren, gab es eine Mauer durch Europa, und diese schützte den Westen wie den Osten vor unsicherer Grenzenlosigkeit. Interessanterweise gehört „SICH ABGRENZEN“ aktuell zu den häufigsten Therapieempfehlungen im Westen.
Viele von uns, die an diesem Abend im Trausnitzgarten Les Holroyds brüchiger Stimme lauschten, dachten vielleicht über sich selbst, ihre Vergangenheit und ihre Zukunft nach. Vielleicht schaute mich einer oder eine an und dachte bei sich: Aha, die ist blond gefärbt und müsste mal wieder zum Friseur, damit die grauen Haare abgedeckt werden“. Oder sie dachte, wie ich das über sie tat: „Mein Gott, ist die alt geworden. Das Gesicht sieht wie ein Akkordeon aus“. Viele Pärchen, die Köpfe aneinandergeschmiegt, hörten mit geschlossenen Augen und Wattebällchen in den Ohren einfach nur verträumt zu.
Warum tut sich der 78jährige Les Holroyds den Stress mit Konzertauftritten an? Auch darüber dachte ich während meines Blicks in den Himmel nach. Ein wichtiger Aspekt dürfte für ihn das Geld sein. Als junger Musiker dachte er wahrscheinlich nicht daran, fürs spätere Alter zu sparen, denn wenn man jung ist, hat man noch alle Zeit und alles Geld der Welt. Und in die Alters- und Rentenkasse wird er wahrscheinlich nicht einbezahlt haben, was heißt, dass er wohl wenig bis keine Rente bekommt. Mit Alterskonzerten kann er sich wenigstens über Wasser halten bis das „Life is ending“ da ist. Für mich als Longevity-Forscherin – jetzt habe ich mich geoutet, und demnächst gibt es mein Buch dazu 😊 – macht er genau das Richtige. Und das in mehrfacher Hinsicht! Abgesehen vom Geldbeutel lässt er seinem Hirn die beste Pflege angedeihen. Er arbeitet es, indem er die Texte und Melodien seiner früheren Songs abruft, und das stundenlang. Das ist ein Marathongedächtnistraining. Und dann auch noch Klimpern auf der Gitarre mit den Fingern; was für eine Hirnhöchstleistung, da Fingerchen und Gehirn online perfekt zusammenarbeiten müssen, damit die richtigen Töne herauskommen. Alles abgestimmt mit den anderen Musikern. Das, liebe Leute, dürfte der Grund sein, warum Künstler und Musiker ein hohes Alter erreichen (können), sofern sie sich in jungen Jahren nicht mit Drogen und Alkohol umgebracht haben.
Bei mir hat der Abend in Gemeinschaft mit meiner Generation etwas ausgelöst, das ich vorher nicht gekannt habe. Der Begriff bzw. die Vorstellung des Altwerdens ist näher an mich herangerückt, hat mich betroffen gemacht. Seit zwanzig Jahren beschäftige ich mich mit dem Phänomen des Alterns und den Möglichkeiten, ein hohes Alter möglichst gesund und jung zu erreichen. Als ich mitten unter meinesgleichen saß und in den Abendhimmel blickte, fragte ich mich, ob es nicht doch besser sei, nicht alt zu werden. Die 60 habe ich erreicht, doch was möchte und würde ich die nächsten Jahre noch anfangen mit mir? Ja, ja, die gutgemeinten Langlebigkeitstipps, die ich den Alten vor zwanzig Jahren, als ich selbst noch 40 war, auf Vorträgen gegeben habe, wie Ernährung, Bewegung, Gedächtnistraining, Kalorienrestriktion und Dinner-Cancelling: Alles schön und gut. Doch wird damit der Alterungsprozess nur hinausgezögert und verlängert. Möchte ich wirklich wie Jeanne Calment mit 122 Jahren blind und taub enden? Da würde ich in 62 Jahren das Zeitliche segnen. Ich kann mir momentan nicht ausmalen, wie die Welt 2088 aussieht und wie die Menschen darin leben werden. Also, bitteschön, kein hohes Alter für mich. Vielleicht wird es in einigen Jahren wegen Mangel an Geld und Pflegepersonal keine Pflegeheime für Alte mehr geben, sondern wer nicht mehr arbeiten und leisten kann, hat die Wahl zwischen himmlischer Injektion oder höllischer Tablette – je nachdem, ob Privat- oder Kassenpatient. Doch was solls!
Wichtiger wird sein, was danach kommt. Ich bin überzeugt, dass ich wiedergeboren werde. Als Les Holroyds die berühmte „Hymn“ von BJH trällerte, fragte ich mich, den Blick noch immer in den mittlerweile sternefunkelnden Himmel gerichtet: Kann ich mein nächstes Leben denn jetzt schon erschaffen, etwas dafür tun, damit ich nächstes Mal wieder auf der Sonnenseite des Lebens stehe? Ja, statt in irdische KI-Aktien zu investieren, werde ich mit meiner verbleibenden Lebensenergie an der kosmischen Börse weiterhin Pluspunkte fürs nächste Leben sammeln. – Man weiß ja nie, oder?