Digitale Allergie

Neulich habe ich gelesen, dass auch künstlich intelligente Systeme auf harmlose Daten allergisch reagieren. Das klang schräg und doch interessant, weshalb ich diesem Phänomen auf die Spur kommen wollte. Fündig geworden über bisher aufgetretene Fälle von digitaler Anaphylaxie bin ich allerdings nicht. Dennoch blieb ich eine Zeitlang gedanklich bei dem Begriff „Digitale Allergie“ hängen. Daraus ist eine Reflexion meines eigenen Befindens geworden in einer Welt, in der ich aktuell existiere und atme.

Ich stelle fest, die Welt, in die ich vor über sechzig Jahren hineingeboren worden bin, existiert nicht mehr. Die Erde hat sich eigentlich nicht verändert, denn sie zieht in dem ihr eigenen Tempo ihre alljährlich wiederholenden Bahnen um die Sonne. Die Natur, die ich als gesundes Terra-Mikrobiom bezeichnen möchte, wäre vital und gesund, gäbe es da nicht das humanoide Toxin. Im Laufe der Jahrtausende hat es sich zu einem malignen Geschwür entwickelt, das weiterhin unkontrolliert wuchern würde, wären da nicht einige Krebszellen zum Besseren entartet. Ohne dabei einen philantropischen Hintergedanken zu haben, entwickelten sie – und das tun sie jetzt noch immer – intelligente Systeme, die das humanoide Toxin auf der Erde in nicht all zu weiter Zukunft eliminieren können und werden. Die einstige Erbsünde wird dann endlich getilgt sein.

Bis es soweit ist, wird die Menschheit noch einiges erleben und zu lernen haben. Als 60jährige Humanoidin bin ich dankbar für eine schöne Zeit, in der ich in freier Dummheit aufwachsen und mich in eitler Unbewusstheit austoben durfte. Als Kind begleitete mich ein mir wohlgesonnener, lieber Gott, der irgendwann ausgedient hatte und sich hochbetagt im Universum aufgelöst hat. Durch seinen Tod ist aus mir eine Atheistin geworden, die versucht, hinter den Zaun des kosmischen Horizonts, wo der zeitlose Himmel liegen soll, zu blicken. Bis es so weit ist, und das kann der nächste Augenblick oder erst in fünfzig Jahren sein, schlendere ich meinem Sterben dank Epikurs einen Weg entlang, der friedlich und entspannt und gut für den Blutdruck ist: „Bene vixit, qui bene latuit (Wer sich gut verborgen hält, lebt gut)“.

So komme ich zur meiner Feststellung, dass ich eine digitale und mediale Allergie entwickelt habe. Und das finde ich gut so. Mein früheres Bedürfnis, für jedermann erreichbar zu sein, hat sich dank diabolischer Cyber- und Telefonkriminalität verwandelt in den Wunsch, unsichtbar zu werden und digital im Verborgenen zu leben. Früher telefonierte ich gerne, pflegte private und berufliche Kontakte. Jetzt bin ich telefonisch nicht mehr erreichbar. Ich vermeide direktes Angerufenwerden mit einer Voicemail, die beim Klingeln sofort anspringt. Wer wirklich etwas zu sagen hat oder mit mir sprechen möchte, kann seinen Wunsch auf meinem Anrufbeantworter zurücklassen. Mails und SMS und Apps, deren Absender ich nicht kenne, werden sofort gelöscht oder kommen in den Spam. Wodurch natürlich leider auch ernstgemeinte Nachrichten fallen können. Doch verlasse ich mich darauf, dass mich diese, falls seriös, auf anderem Wege oder per materieller Post, erreichen werden. Mental und spirituell greife ich jede Information an, ebenso, wie dies auch bei einer Allergie der Fall ist. Apps, die ich früher auf meinem Mobilgerät hatte, sind deaktiviert und gelöscht, auch solche, wie Spotify, Instagram, Facebook usw. Wie wir ja darüber informiert werden, können über diesen netten Anwendungen böse Spydateien liegen. Kundenkarten von Geschäften oder Kunden-Apps nehme ich grundsätzlich nicht an. Ich bin doch nicht blöd, meine Daten für ein kitschiges Geburtstagsgeschenk oder einen Armen-Rabatt irgendeinem Systemdämon freiwillig in den Rachen zu werfen. Persönliche Informationen werden mittlerweile als Goldstandard gehandelt.

Thema Gold und Geld: Ich bin zum Bargeld zurückgekehrt, zahle überall bar. Bedienungen und Kellner freuen sich riesig, wenn ich bar bezahle und bar Trinkgelder gebe. Einmal im Monat ziehe ich aus dem Automaten Bargeld für den Lebensunterhalt. So vermeide ich den Gebrauch meiner Bankkarte in Geschäften usw. Mittlerweile arbeite ich an drei verschiedenen Computern, auf die ich thematisch meine Dateien aufgeteilt habe, mit verschiedenen Zugangsdaten usw. Indem ich das so schreibe, wird mir bewusst, dass sich meine digitale Allergie auswachsen könnte in eine digitale Neurose oder Psychose. Dagegen, denke ich, wird wohl kein Kraut gewachsen sein. Deshalb meine Empfehlung an alle, denen es so geht wie mir: Bene vixit, qui bene latuit!