Digital allergisch und die Wächter der Zukunft

Neulich habe ich gelesen, dass auch künstlich intelligente Systeme auf harmlose Daten allergisch reagieren. Das klang schräg und doch interessant, weshalb ich diesem Phänomen auf die Spur kommen wollte. Fündig geworden über bisher aufgetretene Fälle von digitaler Anaphylaxie bin ich allerdings nicht. Dennoch blieb ich eine Zeitlang gedanklich bei dem Begriff „Digitale Allergie“ hängen. Daraus ist eine Reflexion meines eigenen Befindens geworden in einer Welt, in der ich aktuell existiere und atme.

Ich stelle fest, die Welt, in die ich vor über sechzig Jahren hineingeboren worden bin, existiert nicht mehr. Die Erde hat sich eigentlich nicht verändert, denn sie zieht in dem ihr eigenen Tempo ihre alljährlich wiederholenden Bahnen um die Sonne. Die Natur, die ich als gesundes Terra-Mikrobiom bezeichnen möchte, wäre vital und gesund, gäbe es da nicht das huminide Toxin. Im Laufe der Jahrtausende hat es sich zu einem malignen Geschwür entwickelt, das weiterhin unkontrolliert wuchern würde, wären da nicht einige Krebszellen zum vermeintlich Besseren entartet. Ohne einen philantropischen Hintergedanken zu haben, entwickelten sie – und das tun sie noch immer – intelligente Systeme, die das huminide Toxin auf der Erde in nicht all zu weiter Zukunft eliminieren können und werden. Die einstige Erbsünde wird dann getilgt sein.

Doch sollte die Menschheit bis dahin einige Überraschungen erleben. Künstlich geplant dürfte nicht sein, dass sie sich mit ihrer Zukunft, sprich humaniden Dämmerung, auseinandersetzt und womöglich vorbereitet. Dank der momentanen Möglichkeiten ist die digital-künstliche Überwachung von aktuell etwa 8 Milliarden Menschen auf der Erde ein Kinderspiel, bei 80 Millionen Deutschen ist diese noch einfacher. Die Leistungskapazität künstlicher Wächter übertrifft bereits jetzt erheblich die existierende Menge. Ich denke, dass jeder Mensch auf diesem Planeten aktuell bereits ein Duzend Wächter oder Inspektoren an seiner Seite haben kann, die ihn von der Zeugung bis zum (geplanten) Ableben führen, organisieren, managen, füttern und vieles mehr. Auch dürften bereits viele Humaniden den einen oder anderen unsichtbaren Manager am Tisch, im Bett oder auf dem Klo dabei haben – je nachdem, ob das Mobiltelefon bei der Befriedigung von Primärbedürfnissen dabei ist oder nicht. Damit befände sich die Menschheit aktuell in eine Art Eingewöhnphase; bei alten Leuten dauert diese länger, bei den jungen läuft der Prozess schneller. Genau wie die Bereitschaft einer Chip-Implantierung oder Tätowierung von QR-Lebenserlaubnis-Codes. Humbug? Science-Fiction? „Alea iacta est“! – Diese Würfel sind gefallen, denn der Rubikon ist überschritten worden, es gibt keinen Weg zurück!

Bis die Totalbewachung und -steuerung der Menschen soweit sind, wird die Menschheit noch ein bisschen was zu erleben und lernen haben. Als 60jährige Huminidin bin ich dankbar für eine schöne Zeit, in der ich in freier Dummheit aufwachsen und mich in eitler Unbewusstheit austoben durfte. Als Kind begleitete mich ein mir wohlgesonnener, lieber Gott, der irgendwann ausgedient hatte und sich hochbetagt im Universum aufgelöst hat. Durch seinen Tod ist aus mir eine Atheistin geworden, die versucht, hinter den Zaun des kosmischen Horizonts, wo der zeitlose Himmel liegen soll, zu blicken. Bis es so weit ist, und das kann der nächste Augenblick oder erst in fünfzig Jahren sein, schlendere ich meinem Sterben dank Epikurs einen Weg entlang, der friedlich und entspannt und gut für den Blutdruck ist: „Bene vixit, qui bene latuit (Wer sich gut verborgen hält, lebt gut)“.

So komme ich zur meiner Feststellung, dass ich bereits eine digitale und mediale Allergie entwickelt habe – und das finde ich gut so. Mein früheres Bedürfnis, für jedermann erreichbar zu sein, hat sich dank diabolischer Cyber- und Telefonkriminalität verwandelt in den Wunsch, unsichtbar zu werden und digital im Verborgenen zu leben. Früher telefonierte ich gerne, pflegte private und berufliche Kontakte. Jetzt bin ich telefonisch nicht mehr erreichbar. Ich vermeide direktes Angerufenwerden mit einer Voicemail, die beim Klingeln sofort anspringt. Wer wirklich etwas zu sagen hat oder mit mir sprechen möchte, kann seinen Wunsch auf meinem Anrufbeantworter zurücklassen. Mails und SMS und Apps, deren Absender ich nicht kenne, werden sofort gelöscht oder kommen in den Spam. Wodurch natürlich leider auch ernstgemeinte Nachrichten fallen können. Doch verlasse ich mich darauf, dass mich diese, falls seriös, auf anderem Wege oder per materieller Post, erreichen werden. Mental und spirituell greife ich jede Information an, ebenso, wie dies auch bei einer Allergie der Fall ist. Apps, die ich früher auf meinem Mobilgerät hatte, sind deaktiviert und gelöscht, auch solche, wie Spotify, Instagram, Facebook usw. Wie wir ja darüber informiert werden, können über diesen netten Anwendungen böse Spydateien liegen. Kundenkarten von Geschäften oder Kunden-Apps nehme ich grundsätzlich nicht an. Ich bin doch nicht blöd, meine Daten für ein kitschiges Geburtstagsgeschenk oder einen Armen-Rabatt irgendeinem Systemdämon freiwillig in den Rachen zu werfen. Persönliche Informationen werden mittlerweile als Goldstandard gehandelt.

Thema Gold und Geld: Ich bin zum Bargeld zurückgekehrt, zahle überall bar. Bedienungen und Kellner freuen sich riesig, wenn ich bar bezahle und bar Trinkgelder gebe. Einmal im Monat ziehe ich aus dem Automaten Bargeld für den Lebensunterhalt. So vermeide ich den Gebrauch meiner Bankkarte in Geschäften usw. Doch auch hier wird die Luft der Freiheit dünner und dünner werden, weil das laufende, autonome System hochtourig läuft, alle individuell-menschlichen Daten (Bankkonten, Versicherungen, Führerschein, Pass, Personalausweis, Supermarktkarten uvm.) auf eine Lebensnummer zu übertragen. Diese Nummer kann dann, je nach Urteil der Wächter, eingeschränkt, entzogen und gelöscht werden. Was im Worstcase auch den Entzug der Lebensberechtigung bedeutet. Das Humanid wird zum Outcast, kann sehen wo es bleibt.

Mittlerweile arbeite ich an drei verschiedenen Computern, auf die ich thematisch meine Dateien aufgeteilt habe, mit verschiedenen Zugangsdaten usw. Indem ich das so schreibe, wird mir bewusst, dass sich meine digitale Allergie auswachsen könnte in eine digitale Neurose oder Psychose. Dagegen, denke ich, wird wohl kein Kraut gewachsen sein. Deshalb meine Empfehlung an alle, denen es so geht wie mir: Bene vixit, qui bene latuit!